Baunatal

Baunatal

Als Eisenbahn in die Nachbarstadt

Vorgeschichte

Die 1995 wiederbelebte Strecke nach Baunatal-Großenritte ist Bestandteil der 1904 eröffneten 33,6 km langen Kleinbahn von Kassel Wilhelmshöhe nach Naumburg. Der zuletzt mit Diesel-Triebwagen betriebene Personenverkehr wurde im September 1977 eingestellt. 

Tram verkehrt rechtlich als Eisenbahn

Für die Stadt Kassel gab die Strecke nach Baunatal den Start für eine neue Epoche der Schienenerschließung in die Stadtrandgemeinden. Mit der Reaktivierung der Teilstrecke von Altenbauna bis Großenritte im Mai 1995 verkehrte erstmals in Hessen eine Straßenbahn im rechtlichen Sinne als Eisenbahn. Im Planungs- und Genehmigungsverfahren betrat die KVC hier Neuland.

Fahrzeugseitig waren insbesondere Anforderungen an die Entgleisungssicherheit und Rahmensteifigkeit zu erfüllen, infrastrukturseitig an die Signaleinrichtungen sowie an den Abstandsausgleich zwischen EBO-Bahnsteig und Straßenbahnfahrzeug.

Von den betrieblichen Systemunterschieden bemerkt der Fahrgast nichts. Für ihn steht im Vordergrund, nicht von der Straßenbahn in die Eisenbahn umsteigen zu müssen und somit schneller ans Ziel zu gelangen.

Der starke Güterverkehr ins VW-Werk Baunatal wird unabhängig von der Tram geführt. Eine betriebliche Überlagerung erfolgt dennoch durch die Überführung von Eisenbahntriebfahrzeugen in die Betriebswerkstatt nach Großenritte sowie den sporadischen Museumsverkehr des Hessencourriers.

Streckenbau

Die neue 5,5 km lange Strecke führt von der Haltestelle Mattenberg in die Stadtmitte Baunatals und weiter bis nach Großenritte, wo eine Wendeschleife für die Einrichtungsfahrzeuge vom Typ 6NGTW errichtet wurde. Von den 5,5 km entfallen 3,3 km auf den eingleisigen Streckenabschnitt der ehemaligen Eisenbahnstrecke nach Naumburg. Die Haltestelle Baunatal-Stadtmitte wurde als Begegnungshaltestelle sowie als zentrale Verknüpfungshaltestelle zwischen Tram und Bus gebaut.

In Großenritte wurden zum Umsteigen für die Bewohner des Baunataler Umlandes ein Park & Ride-Platz mit 45 Stellplätzen sowie mit Fahrradständern und Fahrradboxen eingerichtet.

Tram- und Eisenbahnbreiten im Vergleich
Tram- und Eisenbahnbreiten im Vergleich
Bahnsteigvorbau an den Einstiegstüren
Bahnsteigvorbau an den Einstiegstüren
verschwenkte Tram am Vierschienengleis
verschwenkte Tram am Vierschienengleis

Barrierefreie Einstiege trotz unterschiedlicher Fahrzeugbreiten

Anfangs wurden ausschließlich Fahrzeuge vom Typ 6NGTW eingesetzt. Sie sind mit einer Fahrzeugbreite von 2,30 m wesentlich schmaler als ein Eisenbahnfahrzeug. Die Zielsetzung, mit diesen schmalen Fahrzeugen alle Haltestellen bedienen zu können, ohne dass Fahrgäste beim Aufenthalt auf den Bahnsteigen durch die breiteren Eisenbahnfahrzeuge gefährdet werden könnten, stellte die KVC vor eine große Herausforderung. Aus Kosten- wie Praktikabilitätsgründen wurden hier drei unterschiedliche Lösungen entwickelt und realisiert.

Das Gros der Haltestellen bekam an den Einstiegstüren einen Bahnsteigvorbau vorgelagert, der nur zum Ein- und Aussteigen betreten werden darf. Diese Tasche weist jedoch nur eine Höhe von 11,5 cm auf und kann deshalb nicht wirklich als barrierefrei bezeichnet werden. Aus Sicherheitsgründen mussten die Bahnsteigvorbauten mit gelb-schwarzen Warnschraffuren versehen werden. Warnschilder weisen Fahrgäste zudem darauf hin, bei Güterzugdurchfahrten zurückzutreten. Eisenbahnfahrzeuge dürfen diesen Haltestellenbereich zum Schutz der Fahrgäste nur mit 20 km/h passieren. An der Haltestelle Hünstein wurde zusätzlich ein Hublift eingebaut, um die Differenz vom 11 cm hohen Bahnsteig in die 29 cm hohe Tram barrierefrei überbrücken zu können. Die Bedienung des Hubliftes wird vom Fahrpersonal übernommen.

An der Haltestelle Baunatal-Stadtmitte wurde einem Bahnsteig ein Vierschienengleis vorgelagert. Die Tram verschwenkt auf das äußere Gleis um den Bahnsteig barrierefrei anzudienen; Eisenbahnfahrzeuge wechseln auf die Innenschiene um den EBO gebührenden Abstand von 1,65 m von der Bahnsteigkante einzuhalten. Um eine zum Fahrzeug bezogene barrierefreie Einstiegshöhe von 20 cm über Schienenoberkante zu erhalten, war ein kleiner Trick notwendig: Der im EBO-Bereich befindliche Bahnsteig wurde als BOStrab Bahnsteig definiert. So kann an der Haltestelle Stadtmitte behindertengerecht „Cross Platform“ aus der Tram in die Busse des Stadtverkehrs Baunatal umgestiegen werden.

Als dritte Lösung wurde an der Endstation in Großenritte die Tram-Haltestelle räumlich von der EBO Strecke getrennt errichtet.

Rad-Schiene-System im Mischbetrieb EBO/BOStrab

Eine weitere Schwierigkeit des Mischbetriebs EBO/BOStrab ist das Rad-Schiene-System. Die Straßenbahnräder haben im Vergleich zu denen der Eisenbahn einen geringeren Durchmesser und eine geringere Aufstandsbreite auf den Schienen (Radreifenbreite). Dies hat wiederum Konsequenzen auf die Ausbildung der Weichengeometrie (Anpassung der Herzstücke) in Bezug auf die Entgleisungssicherheit.

zweigleisiger BOStrab-Abschnitt
zweigleisiger BOStrab-Abschnitt

Elektrische Anlagen und Sicherungstechnik

Zur Verknüpfung mit dem Stadtnetz wurde die gesamte Strecke mit 600 V Gleichstrom elektrifiziert. Der Betrieb weist ja nach Abschnitt unterschiedliche Widmungsformen auf. Von der Haltestelle Mattenberg bis Porschestraße gilt die Bau- und Betriebsordnung Straßenbahn (BOStrab). Es wird unsignalisiert auf Sicht gefahren. Hinter der Haltestelle Porschestraße bis zur Endstation Großenritte gilt die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO).

Für den "Tram"-Verkehr ist die EBO-Strecke signaltechnisch im Selbststellbetrieb geschaltet. Der sporadische Eisenbahnverkehr erhält seine Fahrstraßen manuell. Das Stellwerk ist im Bahnhof Baunatal-Altenbauna in einem eigens dafür errichteten Gebäudeanbau untergebracht. Von dort werden 15 Weichen, 9 Hauptsignale, 3 Bahnübergangssicherungsanlagen und 44 Gleisfreimeldeeinrichtungen gesteuert und überwacht. Für die Fernbedienung des Stellwerks ist ein abgesetzter Bedienplatz in der Leitstelle der KVG eingerichtet worden.

Als Herausforderung bei der Projektierung erwiesen sich auch die geringen Abstände zwischen den einzelnen Bahnübergängen. Um den Individualverkehr nicht über Gebühr zu beeinträchtigen, musste die Lage der Einschaltsensoren optimiert werden. Zur Lösung wurden beispielsweise drei Bahnübergänge so konfiguriert, dass die Überwachung in einer Richtung vom Triebfahrzeugführer vorgenommen wird und in der anderen Richtung hauptsignalabhängig ist.

Fazit

Der Erfolg spiegelt sich im Nachfrageverhalten der Kunden wider. Innerhalb kurzer Zeit nahm das Fahrgastaufkommen um 40 % zu. Der anfängliche 15-Minuten-Takt erwies sich in Spitzenzeiten als unzureichend. Zur Verdichtung auf einen 7,5- Minuten-Takt bedurfte es auf dem eingleisigen Eisenbahnabschnitt einer zusätzlichen Begegnungsstelle. Mit der Halte­stelle Kleingartenverein wurde diese in 1999 anlässlich des Hessentages in Baunatal fertig gestellt. 

Zahlen, Daten, Ansprechpartner

Auftraggeber Regionalbahn Kassel GmbH
Baukosten 18,3 Mio. €
Planungsvolumen 2,0 Mio. €
Leistungsphasen 1 – 9
Planung 1992 – 1995
Fertigstellung 1995

Ansprechpartner der Auftraggeber

Reiner Blobel
Fon: +49 (0)561 3089-301
Mail: reiner.blobel@kvg.de


Hier können Sie sich die 3-seitige Beschreibung zur Baunatalstrecke im PDF-Format herunterladen. 

KVG